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Christian Lindner Live

In Anzug und Turnschuhen steht er im es-sind-nicht-alle-reingekommen-vollen Hörsaal und lästert über die Grünen. Ich bin bei einer Veranstaltung mit Christian Lindner, dem Spitzen- und einzigen Kandidaten der FDP in NRW, und sehe mir das neue FDP-Feeling live an.

Die FDP musste sich ein neues Feeling zu legen, da ihr altes scheiße war. Mit dem Neuen tourte Christian Lindner in den letzten Monaten durch NRW-Unis. Die Auftritte waren Teil der FDP-Kampagne zur Landtagswahl in NRW im Mai.

Lindner erreichte mit den Auftritten tatsächlich eine Menge junger Menschen. Ich war im Dezember bei Christian Lindners Auftritt in der Uni Köln und im Februar in Bonn. Beides mal waren die Hörsäle komplett voll. Und 90% des Publikums sahen aus, wie Du Dir ein junges FDP-Publikum vorstellst. Inhaltlich ist die FDP übrigens immer noch die gleiche.

Im Hörsaal der Uni Köln: Christian Lindner von der FDP

Das bin ich. Eingekesselt von der neuen Zielgruppe der FDP. Und Robert Wande. Quelle: @cl2017

Ein Rebrand für die FDP

Für die Uni-Tour fehlten lediglich noch Tour-Shirts. Ankündigung und Schlange-Stehen liefen schon wie für eine Nachwuchsband kurz vor dem Durchbruch. Dabei handelt es sich bei der aktuellen FDP weder um politischen Nachwuchs noch um eine Band. Christian Lindner, seit 19 Jahren Berufspolitiker, ist Parteivorsitzender und die ganze Partei in Personalunion. Jetzt ist er außerdem die Kampagne der FDP.

Nach dem Rausschmiss aus dem Bundestag (2013) hat die FDP unter Lindners Führung ein riesen Marketing-Budget investiert (das ist eine grobe Schätzung, die FDP gibt keine Zahlen raus) um der FDP ein Rebrand zu verpassen. Rebrand ist wie Raider heißt jetzt Twix. Die FDP heißt jetzt „Die Freien Demokraten“ und sieht aus wie Christian Lindner. So sehen auch die Plakate aus:  großformatig ausgedruckte Instagram-Fotos. In schwarz-weiß. 6 Wochen vor dem Wahlkampf werden sie auf Solarstrom-beleuchteten Wesselmännern (Szene-Name für große Aufstellwände an Straßen), plakatiert. Die FDP hat einen Exklusivertrag mit dem Erfinder dieser Special-Beleuchtung (Kapitalismus wie er der FDP gefällt).

Auch ohne Beleuchtung schreien die Fotos Dich an: „Die FDP ist jetzt cool, pass it on.“

Wahlplakat der FDP mit Christian Lindner

Es ist keine politische Kampagne.

Welche neuen Inhalte?

Die Auftritte an den Unis liefen gleich ab: Lindner kommt rein, ist überwältigt, findet die Worte wieder und kündigt an kurz etwas zu drei, vier politischen Themen zu sagen, dann gibt es 30-60 Minuten offene Fragerunde. Christian Lindners Rhetorik Coach wäre sehr stolz, wenn er ihn in diesen Fragerunden sehen würde. Er kann Detailfragen zu Provisionen bei Versicherungen, zum Gesundheitssystem, Düngeverordnung, Landesbeamtengesetz und Dritter Weltkrieg „beantworten“. Er stellt sogar lehrbuchmäßig Verbindungen zwischen den Themen her und geht immer wieder auf vorherige Fragesteller ein.

In beiden Fragerunden, an der Uni Köln + Bonn wurde Lindner nach den inhaltlichen Unterschieden zur alten FDP gefragt. 2 mal forderte Christian Lindner, die Fragesteller auf, alte Parteiprogramme und Beschlüsse mit aktuellen Positionen zu vergleichen. Dann werde ihnen ein großer Unterschied auffallen. Von einem „Neue-Inhalte-Aufzwängen“ kann bei der FDP also nicht die Rede sein.

Lindner sagt, er werde sich inhaltlich nicht vom Werk der FDP der letzten 15 Jahre abgrenzen, da eine inhaltliche Abgrenzung mit einer Abrechnung mit seinen Vorgängern gleichgesetzt werde. Der coole Christian Lindner, Rappername CL (ausgesprochen ZE-ELL),  darf es sich nicht mit den alten weißen Männern verscherzen, die auf Parteitagen immer noch in der ersten Reihe sitzen und chovial Beret Roots belächeln  (die einzig coole Person in der FDP).

Neuer Remix des Neo-Liberalismus

Christian Lindner möchte die FDP nicht aufräumen, nicht aufarbeiten, analysieren, rekapitulieren, warum die FDP weniger als 5%, genau 2.083.533 Zweitstimmen, von mutmaßlich 2.083.533 Menschen bekam.

CL bietet den Wählerinnen auch keine andere Politik an, nur einen neuen Remix des Neo-Liberalismus: Globale Riesen-Unternehmen (Google, Apple, Starbucks usw.) sollen ihre Gewinne nicht mehr auf legale Umwege umleiten, sondern Steuern bezahlen. Wow. Dafür kriegt Lindner Applaus. Er feiert das ab als seis was rebellisches. Christian Lindner der Wirtschaftsrebell, der für den „gesunden Mittelstand“ kämpft: für den Facharbeiter, den Ingenieur, den coolen Typen mit dem Start-up und die „Steuerfachangestelte“ (Frauenbild FDP inklusive).

Alter FDP-Beat

Ansonsten wird die neue FDP angetrieben vom alten FDP-Beat: Die alte Forderung nach Bürokratie-Abbau kommt jetzt mit fancy E-Government-Strategie. Die Positionen zur Privatisierung des Gesundheitssystems und niedrige Gewerbesteuer aka  „Gewerbesteuer-Bremse“ stehen. Die Forderung nach der Wiedereinführung der Studiengebühren finde ich beschämend. Völlig egal, ob die FDP gleichzeitig den Zugang zu Studien-Krediten erleichtern will, die Haltung, dass Bildung ein zu erkaufendes Gut sei, versichert uns, dass die FDP noch die alte ist.

Christian Linder spricht immer wieder von „dem mündigen Bürger“, der selber entscheiden kann und ruft junge Leute auf sich politisch zu engagieren. Im NRW Landtag hat seine FDP, gegen einen Beschluss der Julis, eine Absenkung des Wahlalters bei Landtagswahlen auf 16 abgelehnt. Die einzige Möglichkeit für Schüler und Schülerinnen die Bildungspolitik mitzuentscheiden lehnt die FDP ab. Außerdem ist die FDP ist immer noch gegen den Mindestlohn für unbezahlte Praktika.

Die Zielgruppe der FDP

Mit der Auswahl an Themen und Wörtern wenden sich die „Freien Demokraten“ in dieser NRW-Kampagne an solche Menschen, die in ihrem Leben in erster Linie vom Kapitalismus profitieren möchten.

Die FDP ist nicht die Partei, die angesichts von Syrien, Les Bos, Trump, Brexit, Ukraine, Venezuela, Türkei,  ein Paar Inseln im Südchinesischem Meer, Terror-Milzen, Rechtspopulismus, NSA, BND, Verfassungsschutz, technische Revolution, Erderwärmung, Deutsche Bank et. al., Finanzmärkten, Rating-Agenturen, Chemtrails, der Schere zwischen Arm und Reich, Drohnen, Massentierhaltung, Horst Seehofer und Kim Kardashian, den Kapitalismus hinterfragt.

Aber die Wahlplakate sind klasse!

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