OB-Wahlkampf
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Der zweite Wahlkampf

Wie geht der OB-Wahlkampf in Köln nach der Umfrage und dem #zettelgate weiter?

Wie ein plötzlicher Hagelschauer an einem sonnigen Septembertag muss es sich angefühlt haben. Am Freitag gegen 13 Uhr prasselten die Umfrage-Ergebnisse von infratest dimap/WDR auf das Wahlkampfteam von Jochen Ott ein. Und das tat weh: Henriette Reker 51%, Jochen Ott deutlich abgehängt mit 36%.

Damit werden er und sein Team nicht gerechnet haben: 15% hinter Reker. Politprofi Ott bemühte sich im Interview mit dem WDR zuversichtlich rüberzukommen. So verglich er die 36% mit dem Kommunalwahlergebnis von 2014 (29,4%) und leitete daraus eine Steigerung, also positive Nachricht, ab. Der Vergleich hinkt. Das weiß auch Jochen Ott. Naja, irgendwas musste er ja sagen und ein „ich bin enttäuscht und muss mich fragen, woran das liegt“ wäre wohl schlicht zu ehrlich gewesen.

Auf der anderen Seite wird Rekers Team auch nicht mit so einem großen Vorsprung gerechnet haben. Lachfalten kaschierten für kurze Zeit die Augenränder ihres jungen Wahlkampfteams. Doch Obacht, die 51% sind wegen der Verlängerung nur die Taube auf dem Dach!

Der heimliche Sieger der Wahlumfrage von infratest ist Dr. Mark Benecke. 6% bei der OB-Wahl wären mehr als ein Achtungserfolg. Sein unverschämtes Lachen würde am Tag nach der Wahl in sämtlichen Medien über seinem Ergebnis-Balken thronen. Hinzu kommt, dass die Dunkelziffer der DIE PARTEI-Wähler bei dieser Umfrage hoch ist. Sie sind telefonisch nicht über Festnetz erreichbar. Die Umfrage fand außerdem vor dem #zettelgate statt, das noch mehr Prozente in Beneckes Auffangbecken für Politikverdossene spülen wird.

Ein bisschen Schade ist die Umfrage für Marcel Hövelmann. Ihm hätten die 3% besser gestanden als dem anderen Kandidaten, der aussieht wie der böse Wolf in Rotkäppchen.

Der zweite Wahlkampf

Vor dem Wahlkampf ist nach dem Wahlkampf. Unsere Kandidaten haben noch gut einen Monat Zeit uns zu mobilisieren, uns zu überraschen, uns Lust auf Kommunalpolitik zu machen.
Marcel Hövelmann hat bereits angekündigt sein 100€ Wahlkampfbudget um 50€ zu erhöhen. Er ist gut beraten, seinen zusätzlichen monetären Spielraum in Facebook Werbung zu stecken. Er schaffte mit bisher 25€ gesponserte Posts eine Verdopplung seiner Reichweite. Sein bewusst kleines Budget muss auf große Plakate und teure online Banner beim Express verzichten. Deswegen sind gesponserte Posts über Soziale Netzwerke genau Hövelmanns Ding. Außerdem überzeugt der Anti-Kandidat vor allem im Gespräch jenseits des Podiums, wenn er, im Gegensatz zu den anderen Kandidaten, ein ganz normaler Mensch ist. Er sollte diese Stärke nutzen, um die junge Zielgruppe anzusprechen. Vielleicht kann er die eine oder andere politisch-korrekte Kommunen-WG als Host für eine Unterstützer-Party gewinnen?

Henriette Reker und ihr Team reagierten am schnellsten auf die verschobene Wahl. Sie klebten blaue „Neustart wagen“ Zettel mit On/Off Taste über die bisherigen Wahlplakate. Kreativ ist das nicht. Reker glänzt ohnehin nicht auf ihren Plakaten. Wegen einer akuten Photoshop-Überdosis zeigen die Plakate die jüngere Schwester, die sie nie hatte, wie sie selbstironisch auf einer Veranstaltung von DEINE FREUNDE erzählte. Interaktive Veranstaltungen wie die der Wählergruppe DEINE FREUNDE liegen der Sozialdezernentin gut. Im Atelier Colonia in der angesagten Körnerstraße berichtete sie authentisch über den Wahlkampf und erinnerte sich selbst daran, nicht ständig die auswendig gelernten Statements abzurufen, sobald ein Stichwort fällt. Die gute Moderation und lockere Atmosphäre mit Understatement-Faktor im angeranzten Atelier schafften es, Reker aus dieser Abruf-Position zu bringen. Es war einer der besten Veranstaltungen in diesem Wahlkampf. Mehr davon! Ihre Video-Reihe #fraghenriette hat nach der dritten Episode an Reiz verloren. Es gibt zu wenig zugespitzte Fragen und zu allgemein formulierte Antworten.

Die SPD reagierte uncool:

„Wir sind einer Kampagne ohnegleichen ausgesetzt, nicht nur von den politischen Gegnern, sonder auch von führenden Kölner Medien. Nichts lassen sie unversucht, der SPD und Jochen Ott die Schuld an allen und jeder Panne in die Schuhe zu schieben.“

So hört sich Gemecker an, wenn Dumont-Schauberg mal nicht für die SPD schreibt. Dann ist es gleich eine „Kampagne ohnegleichen“. Das nervt. Dabei hätte es Jochen Ott gar nicht nötig, sich so in die Opfer-Rolle reinzusteigern. Viel zu oft profitiert die SPD von einer geschlossenen Dumont-Meinung.

Er und die Kölner SPD müssen begreifen, dass ihre Kampagne nicht gut war. Sie war von Anfang an in erster Linie eine Anti-Reker Kampagne:

  • Das fehlende Parteilogo auf Otts Plakaten als Reaktion auf Rekers Parteilosigkeit,
  • Die Zurschaustellung seiner Kinder als Reaktion auf Rekers Kinderlosigkeit,
  • Die Pejorisierung des Wortes „Verwaltungsjuristen“ als Reaktion auf Rekers Verwaltungsexpertise,
  • Seine ewig betonte Entscheidungsfreudigkeit als Reaktion aus Rekers Bedacht-sein.

Reker schlecht zu machen, macht Jochen Ott nicht besser. Im #zettelgate-Interview für den WDR sagte Jochen Ott: „ Ich bin stinksauer, ich arbeite den ganzen Tag, um die Leute mit Inhalten zu überzeugen.“ Wo sind die Inhalte? Wo sind die Plakate mit „Ich werde 6000 Wohnungen im Jahr bauen“ oder „Mit mir gibt es Wassertaxen“ etc.? Bei jeder Gelegenheit versucht Ott, das Bild von sich als dem großen Entscheider mit den klaren Zielen zu prägen. Dabei verwechselt er Ziele mit netten Anekdoten aus Paris oder Chorweiler. Hier muss mehr kommen und zwar konkret!

Außerdem sollte sich das Team in Sachen Social-Media endlich besinnen und aufhören nur die vermeintlichen „Gewinner-Kanäle“ zu bedienen. Jochen Ott muss zu Twitter zurückkehren, ich kann es nicht oft genug wiederholen!

Während Reker mit ihrem „Stadtgespräch“ durch ganz Köln tingelt, sieht man Ott nur bei Kaminen-Wärme-Treffen für SPD-Mitglieder. Er braucht Veranstaltungen für junge Leute und wenn er sich nur mit einem Megaphone auf den Brüsseler Platz stellt. Jochen Ott muss seine größte Stärke gegenüber Reker endlich ausspielen. Seine Lockerheit mit einem Witzchen auf den Lippen vernachlässigt er oft zu Gunsten herablassender Bemerkungen gegenüber Reker.

Außerdem verwechselte Otts Team im ersten Wahlkampf Persönliches mit Persönlichkeit. Wenn Du zeigen willst, wer Du bist, brauchen wir Dich dafür nicht in Deiner Küche mit deiner Frau zu sehen. Und schon gar nicht mit deinen Kindern. Persönlichkeit ist nicht im heimischen Garten am Grill zu stehen. Persönlichkeit zeigt sich vor allem auch in Krisenzeiten.

Sei kreativ Jochen Ott, Du bist fast 20 Jahre jünger, aber dein Wahlkampf wirkt fast 20 Jahre älter als der von Reker. Zeige deine Stärken und nicht Rekers Schwächen!

Ott erwähnt bei jeder Gelegenheit, wie er die SPD nach der verlorenen Kommunalwahl 1999 als Mitte-Zwanzig-jähriger neu aufbaute. Dieser Start-up Geist fehlt seiner Kampagne völlig. Er hat 5 Wochen Zeit, die Stimmung zu ändern.

1 Kommentare

  1. r. majewski sagt

    So ein unfug und wahlveräppelung!
    habe bis heute 12 wahlstände gemacht und das kommt da niemals raus! reker bekommt keine 51% wenn sie auf 30- 35% kommt kann sie glücklich sein und ott bekommt 25- 30% den rest können sie sich denken.

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