Dr. Mark Benecke, OB-Wahlkampf
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Durch die Nacht mit… DIE PARTEI

Durch die Nacht mit DIE PARTEI

Nach fünf Minuten habe ich drei Sticker, zwei Kullis und ein Bier in der Hand. Um 21 Uhr beginnt am Chlodwigplatz mein Abend mit der Partei DIE PARTEI. Ein ironischer Selbstversuch.
„Wir kommen gerade von einer schrecklichen Veranstaltung von Jochen Ott“, erzählt mir Heide, als ich zu der Gruppe aus sechs DIE PARTEI Wahlkämpfern stoße. Die Wirtschaftswissenschaftlerin hat mich am Vortag eingeladen DIE PARTEI beim „agitieren“ zu begleiten.
Agitieren bedeutet Passanten eindringlich anzusprechen: („Wählen Sie DIE PARTEI, denn sie ist sehr gut!“), Sticker und Sprüche zu verteilen und in erster Linie aufzufallen. Übersehen kann man die Gruppe in ihrer sinnstiftenden Montur aus grauen Anzügen und babyblauen Hemden nicht. Ignoriert werden sie trotzdem manchmal. Tagsüber waren sie junge Akademiker, Geographen, Juristen oder Hipster jetzt brausen sie im Gruppenlook die Severinstraße rauf und sehen dabei durchaus seriös aus.

„Mir hat letztens in der Bahn jemand seinen Fahrschein gezeigt“, erzählt Dom, der Mann aus Porz, und deutet auf seinen DIE PARTEI-Mitgliedsausweis, der an seiner Hemdtasche klippt. Anfang des 21. Jahrhunderts trägt der Hauptmann von Köpenick einen 50€-Polyester-Anzug von C&A.

In einer Außengastronomie springen interessierte Bürger auf das Auftreten der PARTEI an. Heide stimmt spontan die PARTEI-Hymne an, eine leicht veränderte Version des SED-Ohrwurms „Die Partei, die Partei, die hat immer Recht! „ (So aus Chlodwig’schem Geist wird von Martin geschweißt die PARTEI, die PARTEI, die PARTEI.)
Die Gesangseinlage war überzeugend, drei Gastronomie-Besucher unterzeichnen den Mitgliedsantrag. Um die Ecke zettelt Heide das nächste Gespräch mit Bürgern an, nach dem zweiten Bier wippe ich angesteckt im Takt der Partei-Hymne mit. Gute Stimmung und eine niedrige Eintrittsschwelle verhalfen damals schon der jungen Piratenpartei zu ihren ersten zehntausend Mitgliedern.

Bei DIE PARTEI liegt die inhaltliche Übereinstimmung mit ihren potenziellen Mitgliedern außerdem bei 100%. Denn ihr Kern-Thema ist, dass die anderen Parteien doof sind. Darüber reden wir viel beim „agitieren“. Es gibt viel über das man sich aufregen kann, wenn man an den Wahlplakaten von Jochen Ott und Henriette Reker vorbeiläuft. Poster mit Mark Benecke wird es auch bald geben, die Pappen vom Europawahlkampf müssen noch zusammengesucht werden.

Bis dahin propagieren die PARTEILER weiter auf der Straße. Draußen vor einer Bar am Ubierring steht ihr Wählerpotenzial in der Raucherecke. Heide und Co. verteilen Kullis und Buttons. Die Methoden sind die gleichen wie beim Straßenwahlkampf der Etablierten. DIE PARTEI verteilt Sprüche an junge Menschen, Jochen Ott Rosen an alte.

Ernste Antworten bekommt man von der PARTEI nicht. Meine Fragen nach Inhalten parieren sie ironisch und leiten dann mit einem Witz zum nächsten Thema über.
Erst um halb eins beim Römerpark trauen sie sich mal kurz aus dem Ironie-Schlupfloch. Ein paar Studenten kicken im Licht der Laterne, von der Henriette Reker uns anlächelt.
„Du kannst Menschen nicht mit Inhalten bewegen“, sagt Heide und erzählt von einer Vorlesung: „Als ich die Studenten nach Jean Claude Junker und Martin Schulz gefragt hab, hat einer aufgezeigt und wollte wissen, ob das wichtig für die Klausur sei.“
„Politik ist nicht sexy“, fasst Dom, der Mann aus Porz, zusammen.
Das Rezept der Partei lautet deshalb 95% Emotionen, 5% Inhalt. DIE PARTEI verschiebt damit die Parameter der Etablierten nur etwas ins Extreme. Denn auch deren Politik ist bestimmt von wenig Inhalt und viel TamTam, das Kommunikation genannt wird.

Was ist das Ziel von DIE PARTEI?

„Wir geben denjenigen eine Stimme, die kein Bock mehr haben auf die anderen Parteien“. Das stimmt, Nichtwähler und Ungültig-Wähler treten nicht organisiert auf. Doch die Stimme der PARTEI hört sich für die Politik an wie ein hämisches Lachen. Was junge Leute wollen, sagt ihnen DIE PARTEI nicht.
„Wenn die Aufmerksamkeit steigt, müssen sich die anderen zu uns verhalten“, prophezeit Heide. „Überleg doch mal, wie viel Aufmerksamkeit eine Parlamentsdebatte bekäme, wenn wir im Bundestag säßen.“ Die Protestpartei-geübte Generation weiß: „Wenn wir das erste Mal einen Balken in einer Wahlumfrage bekommen, können die Etablierten uns nicht länger ignorieren. Und unsere Themen klauen können sie nicht“, erzählt Heide, diebisch lächelnd, „also können sie sich nur abgrenzen“.

Nach der Logik von DIE PARTEI werden die anderen dann besser, weil sie der Versuch, sich von der Inhaltsleere abzugrenzen, demaskieren würde. Heide gibt ein Beispiel: Jochen Ott präsentierte auf seiner Veranstaltung am Nachmittag seine Lösung für sozialen Wohnungsbau in Köln: Er will 30 Millionen Euro in zehn Jahren investieren. „Damit kann man gerade einmal Keller in Chorweiler ausheben“, erklärt die Wirtschaftswissenschaftlerin. Das Beispiel ist Sinnbild der Kluft zwischen Politik und Bürgern und beide sind gleichermaßen dafür verantwortlich: Jochen Ott, der anstatt auf 3 Millionen im Jahr auf die besser konnotierten 30 Millionen in Zehn Jahren verweist. Die Bürger weil sie nicht zu Politik-Veranstaltungen gehen  und wenn doch merken sie sich nur die 30 Millionen, die irgendwie viel klingen.

Ich glaube nicht, dass Widerstand gegen die eine Seite diese Kluft verkleinert. DIE PARTEI schadet unserer Demokratie nicht, sie verbessert sie auch nicht, sie bildet sie ab. Ihre Mitglieder zielen mit stumpfen Pfeilen auf das zu große geratene Bullseye in der Mitte der Zielscheibe politik-genervter Menschen. Jeder ihrer Sprüche trifft.

Eine gute Protestpartei müsste es schaffen die Bürger für Politik zu interessieren. Das Wissen und die Begeisterungsfähigkeit dafür haben die Mitglieder der PARTEI. Gerne hätte ich weiter die Inhalte der anderen Kandidaten faktisch auseinander genommen. Man wird fast sauer, wenn diese jungen Leute ihr Potenzial damit unterwandern, einen „Busen Lilly“-Sticker unter das Bild von Henriette Reker zu kleben. Ja, sie machen darauf aufmerksam, dass die etablierte Politik schwer erträglich ist, aber das machen auch schon die heute Show, Jan Böhmermann und Günter Jauch. Letzterer unfreiwillig.
DIE PARTEI ist das amüsante Armutszeugnis der etablierten Parteien. Und sie sollten aufhören, das zu ignorieren. Doch ich könnte besser über DIE PARTEI lachen, wenn es in Deutschland eine Partei gäbe die Zeitgeist-Politik machte. Kurt Tucholski sagt:

„Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist: er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an.“

Es macht Spaß, zusammen mit DER PARTEI gegen das Schlechte anzurennen. Über Ideale haben wir an diesem Abend nicht gesprochen.

Aus Gründen der Transparenz veröffentliche hier, was ich von DIE PARTEI angenommen habe:
1x Jochen Ott-Kulli
1x Button
2,5x Bier

6 Kommentare

  1. Elise sagt

    Ein sehr schöner Artikel! In einem Punkt liegen Sie allerdings falsch: „Eine gute Protestpartei müsste es schaffen, die Bürger für Politik zu interessieren.“ – genau das tut die PARTEI. Was, wenn nicht politikinteressierte Bürger, sind denn die PARTEImitglieder, die sich mit viel Zeit, Geld und Engagement z.B. dem Wahlkampf widmen?
    Und noch wichtiger: Jan Böhmermann & Co. zeigen zwar die Unerträglichkeit der Politik auf, das läuft aber nur in eine Richtung. Ganz anders als bei der PARTEI gibt es hier keinerlei Möglichkeit der Partizipation. Und vor dem Fernseher zu sitzen und dumpf „recht hat er!“ zu grölen, oder sich aktiv mit anderen Menschen zusammen zu tun und eine Botschaft (wie indirekt auch immer) an andere heranzutragen sind zwei sehr unterschiedliche Dinge.
    Die Sache mit den Idealen haben Sie meiner Meinung nach also völlig verkannt. Es liegt in der Natur der Sache, dass man diese jedoch selber erkennen muss, sie von PARTEIlern erklärt zu bekommen darf man nicht erwarten – Sie wissen ja wie das ist, über einen „erklärten“ Witz kann man nunmal nicht lachen.
    P.S.: Für ein tieferes Verständnis sind hier definitiv mehr als 2,5 Bier von Nöten. Das lässt sich sicher bei einem weiteren produktiven „Geschäftstreffen“ einrichten! Wer weiß, vielleicht gibt’s dann sogar ein paar Glitzerkugeln obendrauf…

  2. Goebbels sagt

    Wenn wir das demnächst im Stile der arte Sendung mal filmen wollen, gebt Bescheid!

  3. Jackomo Leopardy sagt

    leider geil, diese schöne Abendreportage.

    Das Rezept Humor funktioniert prächtig für Revolutionen.
    Empfehle dazu auch die Lecktüre von Politaktivist Sroja Popovic:
    „Protest, wie man die Mächtigen das Fürchten lehrt“, erschienen im
    Fischerverlag für 16,95. Gegen seine Kuscheltieraktion mit Fähnchen hat Herr Putin eine Resulotion erlassen, weil unbelebte Gegenstände kein Demonstrationsrecht haben…..
    Nichts ist wirksamer als gewaltfreier Widerstand!!!
    * groß träumen, klein anfangen
    * mit Humor am besten weiterkommen
    * Unterdrückung zum Bumerang machen
    *Zukunftsvisonen konkret verwirklichen

    Weitermachen Helena, Du bist klasse!!

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