Marcel Hövelmann
Schreibe einen Kommentar

Ein echt grüner Kandidat

Ich würde ihm meinen WG-Schlüssel anvertrauen und vielleicht sogar meine EC-Karte.
Er ist jetzt schon der Kandidat der Herzen. Der parteilose Marcel Hövelmann ist der Grüne-Kandidat in diesem Wahlkampf, wenn Grün die Farbe einer Lebenseinstellung ist – nicht die einer Partei. Denn der Angestellte des Verkehrsbunds Rhein-Sieg ist eine Art Gegenentwurf zum Berufspolitiker.

Der Kandidat von nebenan
Der gebürtige Aachener kam einst zum Studieren nach Köln und lebt hier seit zwanzig Jahren. Als Parteiloser kämpft er auf der kleinsten Bühne dieses Sommers. Hövelmann hat sich selber ein Wahlkampfbudget von 100 Euro gesetzt, die Hälfte ist bereits für den Druck von ökologisch produzierten Info-Postkarten drauf gegangen. In der Fußgängerzone werden also keine durchorganisierten Unterstützer Hochglanz-Flyer und Werbegeschenke für ihn verteilen. Außerdem hat er kein Medien-Netzwerk, die etablierte Berichterstattung nimmt von seiner Kandidatur kaum Notiz.

Dabei hat er die mit Abstand beste Kandidaten-Homepage! In seinem „kleinen Logbuch“ dokumentiert er seinen Wahlkampf in kurzen, persönlichen Statements. Er verzichtet auf Politik-Phrasen und weitestgehend auf hochgestochene Fremdwörter. Die authentischen Einblicke in seinen Wahlkampf-Selbstversuch prägen das Image vom „Kandidaten von nebenan“.

„Halbzeit – die Hälfte meiner Unterstützer-Unterschriften habe ich nun schon zusammen. CHAKKA!!!“

Inhalte
Seine Agenda liest sich so konkret wie eine To-Do-Liste. Er tritt an mit einem echten Profil. Er wäre der erste Mobilitäts-Bürgermeister von Köln. Hövelmann schafft es mit Themen zu punkten, die die etablierte Politik bisher verschlafen hat und begeistert durch kleine Ideen mit hohem Symbolwert.
Zum Beispiel:
• Pilotversuch „Legale Cannabis-Verkaufsstelle“ positiv unterstützen
• Förderung studentischer Aktivitäten und Abschlussarbeiten mit konkretem Köln-Bezug
• Carsharing als dienstliche Mobilität bei der Stadt Köln stärken
• Einbindung öffentlicher sowie lokaler OpenData-Informationen, z.B. Standorte öffentlicher Toiletten
• Pilotprojekt „Luftpumpstation“ in allen 9 Stadtbezirken
• Impulsprojekt für mehr Fassadenbegrünungen starten

Mit ihm als OB würde Köln tatsächlich grüner und fahrradfreundlicher werden. Die Umsetzung seines Programms könnte deutschlandweit gehört und als Inspiration für andere Städte und Kommunen angenommen werden.

Man hat bereits die BILD-Überschrift vom Kölner „Öko-Bürgermeister“ vor seinem geistigen Auge.

Marcel Hövelmann ist zuzutrauen, dass er Dinge bewegen kann. Während Jochen Ott noch plant Lastenfahrräder-Stationen in Köln aufzubauen, hat Marcel Hövel es einfach gemacht. Wenn künftige Initiativen und Kampagnen der Stadt Köln nur ein bisschen vom Charme von www.rothehausrad.de haben, wäre die Stadt um eine Facette reicher.

Anti-Auto-Ideologie
Bei der Podiumsdiskussion in der Uni konnte der Verkehrsexperte mit seiner Expertise beim Thema Mobilität punkten. Nein, Marcel Hövelmann ist kein großer Charismatiker, der alle mit seiner Ausstrahlung in den Bann zieht. Es fällt schwer, sich Hövelmann bei Empfängen vor etablierten prominenten Gästen vorzustellen. Er könnte hier seine eigene Art finden, in die Rolle reinwachsen, doch das Problem seiner Vision ist ein anderes:

Mit dem Bau von „innovativen Fahrradparkhäusern mit mindestens jeweils 1000 Stell- und Mietplätzen auf dem Neumarkt, Ebertplatz und dem Deutzer Bf“ und dem Ausbau des Fahrradwegnetzes ist der Umbruch in Köln nicht geschafft. Es braucht dann auch mehr Menschen, die aufs Fahrrad umsteigen. Und zwar freiwillig.

Hövelmanns Programm hingegen möchte die Situation von Autofahrern schrittweise verschlechtern:
• „Sukkessive Erhöhung der Parkgebühren im öffentlichen Raum“ , zweispurige Straßen, werden zu Gunsten einer Fahrradstraße einspurig, deutlicher Ausbau von Tempo 30 Zonen, Keine tolerierende Grauzone bei der Ahndung von ordnungswidrigem Parken in Wohngebieten
• Konsequentere Umwidmung von Parkstreifen in Freiräume und Sitzmöglichkeiten (mindestens 50 pro Jahr und Stadtbezirk)

Mit diesen Forderungen wird er zahlreichen Wählern auf den Schlips treten. Auch wenn viele Eltern ihre Kinder im Fahrradanhänger zur Kita in Sülz schiffen, wird ein Riesenanteil von ihnen danach in den Firmenwagen steigen und zur Arbeit fahren. Hövelmann schafft es nicht, einen Kompromiss vorzuschlagen, der Auto- und Fahrradfahrer versöhnen könnte. Es gibt ja durchaus gute Gründe ein Auto in der Stadt zu besitzen, viele Bürger sind darauf angewiesen. Das Fahrrad und ÖPNV-Angebot attraktiv zu machen, ist sicherlich der richtige Ansatz. Fraglich ist, ob es dafür eine Anti-Auto-Ideologie braucht. Hinzu kommt: Hövelmann wird als OB auch Nicht-Grüne Themen verwalten müssen.
Darüber hinaus spielt der 35-jährige Wanderer mit Reinhold-Messner-Gedenk-Bart mit genau jener Attitüde, mit denen Bündnis 90/Die Grünen bei der letzten Bundestagswahl gescheitert ist.
• Bei Vorschlägen wie Kochprojekte für Schüler mit Schwerpunkt auf vegetarischer und veganer Ernährung (Veggieday o.ä.) wirkt er wie ein strenger Missionar alternativen Lebens.
Auch die geplante Reduzierung der Außengastronomie um jährlich 5% (insgesamt 20%) zugunsten „mehr Freiraums“, spiegelt seine Ideologie wider. Denn für viele Kölner ist Außengastronomie ein Freiraum.

Zusammenfassung: Hövelmanns Kandidatur ist wie eine gut gemachte Tier-Doku der öffentlich Rechtlichen. Sie läuft zur unliebsamen späten Sendezeit, kann das große Publikum nicht auf sich vereinen, ist aber eine dankenswerte und gehaltvolle Alternative zum Standard-Programm.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.