Henriette Reker, OB-Wahlkampf
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Im Stadtgespräch

Zum fünften Mal kamen Reker und interessierte Bürger im „Stadtgespräch“ zusammen, einer Wahlkampftour mit Terminen in den großen Veedeln. Bei drei der fünf Veranstaltungen war ich auch. Das sind meine Beobachtungen:

Reker fühlt sich mitten im Publikum sichtlich wohler als auf der großen CSD Bühne. Entspannt steht sie vor den aufgereihten Stühlen, auf denen 100-150 interessierte Bürger sitzen. Die OB-Kandidatin lässt aufgeregte, teils verzweifelte Bürger ihre Fragen stellen und würgt auch diejenigen nicht ab, die ganz weit ausholen. Sie geht auf die Leute zu, zeigt viel Verständnis, gibt sich interessiert und lernwillig. Sie geht auf Fragen ein, verliert sich im Zwiegespräch mit einem verärgerten Bürgen in Details über Treppenhäuser. Da ist sie in ihrem Element, Verwaltung kann sie (auch erklären).

Das Problem ihrer Wahlkampftour ist ein anderes:
Zu ihren Veranstaltungen kommen hauptsächlich Männer mit weißen Haaren. Natürlich sind auch engagierte Bürgerinnen da, aber Leute unter 30 trifft man fast gar nicht.
Die Wahlkampftour ist für Reker wichtig, weil hier die CDU-Basis sitzt, die sie überzeugen muss, wenn sie eine Chance gegen Ott haben will. Außerdem kommen grüne Alt-68er. Das ist ein großer Teil der Leute, die sich politisch und gesellschaftlich in Köln engagieren, die die Veränderung der Stadt seit Langem beobachten, die frustriert sind, die Anregungen geben. Doch die jungen Menschen, die etwas verändern wollen, spricht Reker mit ihren Terminen nicht an. Denn die U-30 kommen nicht in das Berufsförderungswerk der Diakonie Michelshoven, sondern eher in die Kneipe zum Goldenen Bock ins nette Agnesviertel. Dort hat DIE PARTEI ihren Wahlkampf mit der Pseudo-Eröffnung des 1. Coffeeshops in Köln gestartet. Und Dutzende junger Leute zu einem unverkrampften Protest für Cannabis mobilisiert.

Reker kam zwar zum AStA-Wahlforum in die Uni Köln, hat es aber verpasst eine eigene Studi-Diskussion zu veranstalten. Sie hat eine bessere Social Media-Strategie als Jochen Ott. Der kann sich jedoch offline auf sein junges gesellschaftliches Backup verlassen, die Jusos. Die Grüne Jugend Köln unterstützt Reker im Wahlkampf nicht.

Auch ihre Überparteilichkeit ist nur auf den ersten Blick ein Vorteil bei den teils politikverdrossenen Ypsilonern. In Rekers Storytelling bedeutet Überparteilichkeit Unabhängigkeit. Sie will sich frei machen von Klüngelei und irrationalen Parteientscheidungen.
Zum Problem wird diese Unabhängigkeit, wenn sie keine politische Meinung durchblicken lässt.

Beispiel:
Beim Stadtgespräch in Rodenkrichen fragte ich Reker, wie sie sich als OB verhalten wird, wenn es um Initiativen geht, in denen sich Grüne und CDU programmatisch heftigst widersprechen. Als konkretes Beispiel nannte ich die Legalisierung von Cannabis und die Cannabis Social Club-Initiative in Köln.
Rekers Antwort:

„Ich werde keine Initiative unterstützen, nur weil sie von einer bestimmten Partei kommt.“

Dafür bekam sie Applaus.
Ihre Antwort zeigt, wie gut sie Politsprech schon kann. Anstatt auf die unliebsame, weil eindeutige, Positionsfrage nach ihrer Haltung in Sachen Cannabis einzugehen, lenkt sie die Antwort auf ihre positiv besetzte Überparteilichkeit.
Als ich nochmal nach ihrer Position zum Cannabis Social Club fragte, wich sie wieder aus. Sie werde sich alles anschauen, sie werde abwarten, was in Berlin passiert (da gibt es eine ähnliche Initiative im Bezirk Kreuzberg).
Am Ende weiß ich immer noch nicht, ob Reker generell für oder gegen eine Legalisierung ist. Also, ich meine, da muss man doch eine Meinung haben?? Entweder man glaubt, dass die Prohibition gescheitert ist oder man hält fest an der Repressionspolitik. Da braucht man nicht abzuwarten, da muss man vorpreschen, wenn man Veränderung will.

Neben Rekers vermeintlich vorteilhafter Überparteilichkeit, hebt ihr Storytelling stets ihre Verwaltungsexpertise hervor:
Die Oper als Paradebeispiel für vergeigte Großbauprojekte spielte im Stadtgespräch von Porz eine große Rolle. Bürger stellten kritischen Fragen nach dem Sinn einer so teuren Sanierung (Der Stadtrat bewilligte zunächst 253 Millionen Euro, die Öffentlichkeit weiß noch nicht, wie teuer die Nummer am Ende wirklich wird. Im Moment ist von 10% Mehrkosten die Rede *hust*).

Reker problematisiert in ihren Antworten in erster Linie die Verwaltung. Sie will künftig Prozesse verbessern, ressortübergreifende Projekt-Teams zusammenstellen. Das ist pragmatisch gedacht. So verprellt sie weder die Opern-Fans, noch diejenigen, denen die Sanierung zu teuer ist. Reker sagt nur zwischen den Zeilen, für wie wichtig sie die Oper hält, die sie beiläufig als „Standortfaktor“ beschreibt. Ein emotionales Bekenntnis zum Opernbau sieht anders aus. So umgeht sie den Kern der Diskussion und die emotionale Frage, wohin die „kleine Weltstadt“ Köln schippert und ob sie dafür einen Prestige-Opernbau braucht.

Reker will als OB Projektmanagerin sein und nicht Gesicht der Stadt. Immer wieder betont sie, die Verwaltung müsse neu aufgestellt werden. Man glaubt ihr, dass sie weiß, an welchen Stellen die Verwaltung lahmt, dass sie weiß, wie man so einen Laden updated.
Eine Projektmanagerin im Hintergrund wird jedoch nicht zur jungen Wählerschaft durchdringen. Doch die muss für Kommunalpolitik begeistert werden. Denn gerade Kommunalpolitik kann Veränderungen im Sinne von „jetzt ist es spürbar besser als vorher“ bringen.
Während des Stadtgesprächs in Porz sagte Reker, Politik solle aufhören Verwaltung zu machen und die Verwaltung solle aufhören Politik zu machen. Damit definiert sie selbst ihren Wahlkampf als unpolitisch. Wie sollen junge Leute auf diese Weise politisch aktiviert werden?

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