OB-Wahlkampf
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Klimaschutz: Ja! Aber wie?

OB-Wahl Köln: Henriette Reker und Jochen Ott über Klimaschutz

Die Moderatorin legte die Karten offen auf den Tisch, an dem Henriette Reker und Jochen Ott auf Barhockern saßen: „Die Fragen dieser Diskussion sind den Kandidaten bekannt.“ Mein erster Gedanke: „Nicht schon wieder Scripted Reality…“
Auch Reker und Ott guckten sich kurz verwundert an. Sie sind es wahrscheinlich gewöhnt, dass diese Info nicht mit dem Publikum geteilt wird.

Dass die Diskussion des Kompetenzteams KlimaBildung Köln im Bürgerzentrum Ehrenfeld doch noch gut wurde, lag an der erfahrenen WDR-Moderatorin Julitta Münch. Denn indem sie das Publikum wissen ließ, dass die Fragen vorher abgesprochen waren, hob sie die eingefahrene Situation auf. Zwar kündigte Münch an, keine gemeinen Fragen zu stellen (das sollte das Publikum später übernehmen) doch bei ihrem hartnäckigen Fragestil mussten die Kandidaten über ihre Skripte hinausgehen. Wann immer Reker und Ott ein schönes Beispiel aus Paris oder Chorweiler brachten, hakte Münch nach: „Was davon wollen Sie konkret umsetzen?“ oder „Kriegen wir diese Aussage noch verbindlicher von Ihnen?“

Der Gewinner des Abends war also Julitta Münch. Hätte der Veranstalter davon abgesehen eine klinisch-weiße Power-Point-Folie auf die Wand hinter den Diskutanten zu beamen, wäre vllt auch etwas von der Ausstrahlung der Kandidaten rübergekommen. Doch jetzt zum Thema:

Klima ist ein klassisches „Valence-Issue“, also ein Ziel der Gesellschaft das alle Parteien erreichen wollen. In den letzten Jahren sind „Position-Issues“ in der Politik immer seltener geworden. Diese Positionsthemen ordneten Parteien eindeutig auf der klassischen rechts-links Achse ein. Etwa die Frage nach Militäreinsätzen (rechts ja, links nein).
Auch weil sich beide „Volksparteien“ in der Mitte jener Achse festgesetzt haben, drehen sich die Wahlkämpfe unserer Zeit um Themen, denen alle zustimmen: Wohlstand, hohe Beschäftigungsquote, funktionierendes Gesundheitssystem und seit die Grünen im Mainstream angekommen sind auch Klimaschutz. Das heißt Reker und Ott sind sich einig, dass es mehr Klimaschutz geben muss, dass auf den Straßen weniger Autos und mehr Fahrräder fahren sollen, dass Häuser bessere Wärmedämmung brauchen.
Seine Entscheidung fällt der Wähler anhand der Glaubwürdigkeit der Kandidaten.

Reker will ein neues Zentrum für Klima-Beratung aufbauen, Ott die bisherigen Institutionen besser zusammenbinden, z.B. Verbraucherzentrale und Handelskammer.
Ott will Klimaschutz erreichen, in dem er Prioritäten setzt und die Erwartungen nicht zu hoch stapelt, während Reker mehr Geld für Klimaschutz ausgeben will.

Um ihre Interpretation von Klimaschutz vorzustellen redeten beide Kandidaten viele Sätze, mit vielen Nebensätzen. Ott, das war nicht nur mein Eindruck, kommt dynamischer, angriffslustiger, politisch-professioneller rüber. Viele Wähler mögen das, andere finden es abschreckend. Reker ist bedachter und bleibt dabei oft blass neben der Urlaubsbräune von Jochen Ott. Spitzen gegen den amtierenden Oberbürgermeister haut sie nur sehr, sehr dezent raus, z.B. wenn sie sagt „Da fehlte mir an der nötigen Stelle die Unterstützung“, statt eines offenen Angriffs gegen den SPD-OB. Ott hingehen, greift die Verwaltung, eine Allegorie auf Reker, an wo er nur kann. Er hat die bessere Rhetorik.

Im zweiten Teil des Abends ging es um Mobilität. Hier fehlte der parteilose Kandidat Marcel Hövelmann. Weil er nicht eingeladen war, konnte Ott Themen von Hövelmann als seine eigenen präsentieren. Der SPD-Mann kann sich also auch vorstellen die Zülpicherstraße teilweise für Autos zu sperren. Eins von Hövelmanns Kernanliegen. Themen-weg-nehmen ist seit Angela Merkel best practice. Ott nennt die Autofreie Zülpi eine gute Idee, sagt jedoch im nächsten Satz so ein Projekt könne man nicht einfach beschließen. Man müsse vorher alle Beteiligten „mitnehmen“, so als könnten alle Gegner überzeugt werden, wenn man nur lange genug mit ihnen redet.
Wer eine autofreie Zülpicher Straße will MUSS Hövelmann wählen.

Am Ende fragte die Moderatorin was die Kandidaten in den ersten 100 Tagen im Amt umsetzten werden.
Ott: Mit dem Geld von Bund und Land will er erste Akzente setzen, etwa Plätze in Chorweiler attraktiver machen.
Reker gibt den Verwaltungsumbau als Ziel, wohlwissend, dass er länger als 100 Tage braucht.

Die Stimmung im Publikum war 50/50. Reker musste Zwischenrufe hinnehmen, als sie erzählte, dass sie am Wochenende auch mal mit der Bahn fahre (ansonsten Auto). Wenn Ott wieder ein super Beispiel aufmachte aber nicht sagte, was davon er konkret umsetzten will, ging ein Raunen durch die Reihen. Das Misstrauen gegen die SPD in Köln wächst. Es hört sich gut an was Ott sagt, er kann seine Themen rüber bringen. Aber im Angesicht der über 60 Jahre andauernden SPD-Regierung in dieser Stadt (mit einer schwarz-grüne Ausnahme), hat man allen Grund anzunehmen, dass Köln mit der SPD keine Fahrrad-Stadt wird. Auf der anderen Seite steht Reker, die viele nicht kennen, die man auch nach so einem Abend politisch schwer einschätzen kann weil sie sich bei vielen Sachen nicht festlegt.

Vor der Diskussion ist nach der Diskussion: In der Bahn nach Hause bildete sich ein spontanes Diskussionsgrüppchen mit anderen Teilnehmern. Auch hier fand eine Teilnehmerin Ott lebendiger und nahbarer, ein anderer schätzt vor allem Rekers Verwaltungsexpertise.  #Stichwahl! Auch die anderen Wahlkampfthemen wie Wohnungsbau sind Valence-Issues. Die beiden „großen“ Kandidaten versprechen also die gleichen Sachen. Diese OB-Wahl ist eine Vertrauensfrage.

Nach der Diskussion gab es noch Häppchen am Buffet.
Aus Transparenzgründen veröffentliche ich hier, was auf meinem Teller lag:
1x Gauda-Schnittchen
1x Brie-Schnittchen
1x Spinatquiche
7-9 Tomate-Mozzarella Sticks

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