OB-Wahlkampf
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Social-Media Update III

Im OB-Wahlkampf in Köln präsentieren die Kandidaten jetzt auch Videos. Social-Media Update III

Es wird kein Wahlkampf der bewegenden Worte mehr. Zumindest jedoch einer der bewegten Bilder. Der Blick ins politische Facebook dieser Tage beschert uns automatisch startende Videos der etablierten Kandidaten Henriette Reker und Jochen Ott. Nicht nur daran merken wir, dass sich der Wahltermin nähert. Hier ist das Social-Media Update III.

In den letzten Tagen haben die großen Kölner Zeitungen keine Kosten und Social Media-Experten gescheut, um die Online-Profile der Kandidaten zu analysieren. Die drei großen Zeitungen, Express, Kölner Stadtanzeiger und Kölnische Rundschau, haben ihre Analyse-Artikel jeweils halbseitig abgedruckt. Während die ersten beiden inhaltlich das Gleiche schreiben, interviewte die Kölnische Rundschau Professor Dr. Rolf Schwartmann, seines Zeichens Leiter der Kölner Forschungsstelle für Medienrecht.

Facebook

Die drei Zeitungsartikel stimmen in der offensichtlichen Tatsache überein, dass die beiden etablierten Kandidaten hauptsächlich in ihren Facebook-Auftritt Zeit und Aufwand stecken.
Ott führt im Facebook-Freunde-Duell immer noch auf den ersten Blick. Er hat 1247 Facebook-Freunde mehr als die parteilose Reker. In ihrer Analyse vergessen die Printmedien die Entwicklung der Likes zu betrachten. Beide Kandidaten gewannen seit meinem letzten Update 5% Freunde dazu. In dieser Zahl spiegelt sich der Eindruck, dass es keinen Favoriten gibt, der in den letzten Wochen viral aufgefallen wäre.

Hinzu kommt: Auch der bestbezahlte Social-Media Experte kann uns zurzeit nicht sagen, wer die größere Reichweite auf Facebook hat. Denn die ergibt sich nicht nur aus den Facebook-Freunden, sondern auch aus der gekauften Reichweite, den gesponserten Posts. Wir wissen nicht, wer mehr Geld ausgibt. Die Views der Facebook-Videos sind ein Indiz, hier scheint die Reichweite ähnlich: Jochen Otts Imagevideo sahen 13 Tausend, seine Gesangseinlage mit Hannelore Kraft 8 Tausend, sein Facebook Live-Video mit Tim Renner knapp 5 Tausend. Die Episoden von #fraghenriette erreichten 11 bzw 7 Tausend Zuschauer.

Wie sieht es bei den „kleinen“ Kandidaten aus?

Nur der Kölner Stadtanzeiger schreibt je einen Absatz über die nicht etablierten Kandidaten. Dabei lohnt sich gerade eine ausführliche Betrachtung von Marcel Hövelmanns Profil. Vor drei Wochen hatte er 285, mittlerweile 518 Facebook-Freunde, das ist eine Steigerung von über 150%. Nicht schlecht, Herr Hövelmann! Er schaffte diese Verdopplung mit nur 25€ seines Wahlkampfbudgets. Außerdem veröffentlichte er eine Tabelle mit interessanter Perspektive:

Mark Benecke bleibt mit knapp 107.000 Freunden uneinholbar an der Spitze des Facebook-Rankings. Sein Content, das habe ich seit der ersten Analyse kritisiert, könnte noch häufiger OB-Bezug haben. Unterdessen begeistert sein Kreisverband mit dem offiziellen OB-Quartett. Adventskalendermäßig veröffentlicht DIE PARTEI Köln Quartett-Karten der 7 Kandidaten, die ich allen Berichterstattungsgenervten ans Herz lege. Hier sind die Vorurteile, die wir in den letzten Wochen gesammelt haben, auf den Punkt gebracht.

Henriette Rekers Quartett-KarteJochen Otts Quartett-Karte

 

Über Hendrik Rottmans Profil hab ich keine Lust zu schreiben. Und wer ist eigentlich Kevin Krieger?

Twitter

Henriette Reker gewinnt seit dem letzten Update 144 Follower dazu, und hat jetzt 447. Das ist nicht die Welt. Doch ihr Konzept #fraghenriette funktioniert vor allem über Twitter. Auch sie weiß, genau wie Jochen Ott, dass diese Wahl nicht auf Twitter gewonnen wird. Dass sie und ihr Team diesen Kanal dennoch bespielen, freut Facebook-Hater wie mich.
Lustigerweise gewinnt Jochen Ott ebenfalls neue Follower dazu (jetzt 207 Follower). Ich finde es immer noch sehr schade, dass Ott sich nicht von seiner festgefahrenen Strategie gelöst hat. Wer seine Trauer ebenfalls ausdrücken möchte, sollte Ott bei Twitter folgen. Vielleicht können wir ihn so überreden. #ff @jochenott

Instagram

Marcel Hövelmann hat sich bereits nach wenigen Tagen wieder von der Foto-Plattform verabschiedet. Aus guten Gründen: Sein Anti-Wahlkampf lebt ausschließlich von seinen Inhalten. Die lassen sich nicht über Instagram verbreiten. Erst kürzlich kritisierte die kanadisch-iranische Blogger-Koryphäe, Hossein Derakhshan, Instagram als „blindes Netzwerk“. Die App verbietet seinen Nutzern Instagram zu verlassen, indem sie verhindert, dass Hyper-Links unter den Fotos zu anderen Seiten leiten. Das untergrabe das Grundprinzip des frühen Internets, kritisiert Derakshan. Instagram sei politisch so harmlos, dass nicht mal der Iran versuche, es zu blocken.

Reker und Ott brauchen die extra-Fotos, um ihr Bild vom menschennahen Politiker –mitten unter uns- zu inszenieren. Marcel Hövelmann nicht.

Interessant: Jochen Ott vernachlässigt 207 Follower auf Twitter, aber bemüht sich um 25 bei Instagram. Henriette Reker liegt derweil mit 127 Abonnenten vorn. Denkwürdig ist hier die Analyse ihres Profils im Express:

„Schade nur, dass es bislang nur 20 Beiträge gibt.“

Hier entblößt sich die große Unwissenheit dieses Redakteurs. Auf jedem Einsteiger-Instagram-Blog, wird erklärt, dass ein Account vor allem von Qualitätsposts lebt. Reker könnnte zwar etwas öfter Posten, Jochen Ott hingegen flutet seinen Account mit Fotos, auf denen er zwei Menschen im Arm hat. Beide Kandidaten haben wenige Fotos die interessant aussehen und neugierig machen. Über Instagram kann man keine Inhalte, aber zumindest neue Perspektiven veröffentlichen. Warum würde ein Kandidat dann auf klassische Wahlkampffotos setzen?

Außerdem sollte das Ziel sein, langanhaltend eine Community aufzubauen, die auch nach dem Wahltermin die Schritte des/der Oberbürgermeister*in verfolgt. Um eine long-term Community aufzubauen, folgt man auch anderen Insta-Nutzern. Henriette Reker hat 22 Leute abonniert, in erster Linie Parteifreunde, lokale Medien und Lukas Podolski. Jochen Ott folgt niemandem.

Videos

Henriette Rekers Video-Konzept #fraghenriette ist simpel. Bürger können Fragen stellen auf Twitter, Insta, bei FB oder per Mail. In kurzen Videos mit vielen Schnitten beantwortet Henriette Reker die Zuschauerfragen. Hier liegt das Problem. „Antworten“ bedeutet in der Politikersprache auf eine Frage Bezug zu nehmen, ohne sich zu positionieren. Davon macht Reker reichlich Gebrauch. Darunter leidet das ganze Konzept. Außerdem werden die Fragen nicht chronologisch, sondern nach gusto beantwortet. Meine Frage wurde nicht beantwortet.

Insgesamt ist offensichtlich, dass Henriette Reker mit dem Video-Format fremdelt. Sie wirkt nicht locker und spricht nicht frei. Klar, sie wird sich nach ein paar Videos einspielen, doch ihre Stärke liegt nicht im Sprechen vor der Kamera. Am lauen Sonntagabend saß sie auf einem roten Sofa am Aachener Weiher und beantwortete Fragen von Menschen, die neben ihr saßen. Der Name der Veranstaltung „#fraghenriette-live“ hielt, was er versprach. Das Zusammenspiel mit Menschen liegt ihr besser als mit der Kamera. Sie wich zwar immer noch manchen Fragen aus, benutzte aber ihre eigene Sprache und wirkte viel entspannter. Die Gratis-Cocktails trugen nicht unwesentlich zur guten Stimmung bei.
Insgesamt ist #fraghenriette ein gutes Konzept, das wir alle mehr nutzen sollten. Nicht gut ist die Einblendung der Twitter/FB Nachrichten in den Videos. Hier mal ein schönes Beispiel mit einer guten Bildaufteilung 🙂

Otts Facebook-Videos sind Geschmackssache. Auch in meiner WG gibt es unterschiedliche Meinungen. In den Live-Videos kann Ott seine größte Stärke gegenüber Reker ausspielen: Er redet frei, formuliert lockere Sätze und Scherzchen. Er ist „telegener“ als Reker.
Vor einigen Tagen stellte er außerdem ein klassisches „Imagevideo“ auf einer sonnigen Terrasse in der Altstadt vor. Der Zeitpunkt des Videos verrät uns schon, welche Gedächtnisspanne er seinen Wählern zuschreibt. Zu Beginn des Videos vergleicht sich der 41-jährige Jochen Ott mit Konrad Adenauer. Der Vergleich hinkt. An mehreren Stellen.

Die Ministerpräsidentin von NRW, Hannelore Kraft, war aus Düsseldorf gekommen, Otts Kinder auch. In einer Sequenz des Videos schmeißen sie Bälle auf ihren Vater, seine „starke Frau“ hilft ihm vom Boden auf. Dass Politiker ihre Familie mit Kindern so in den Wahlkampf ziehen, sehen wir selten und wenn dann nur in den USA. Bisher war es uns egal, ob jemand 3 oder 4 mal geschieden, oder kinderlos ist. Sogar die Guttenbergs widerstanden der Versuchung, ihre Kinder für die „glückliche Familie“-Inszenierung zu vereinnahmen.
Ich glaube, Jochen Ott ist ein moderner, engagierter Familienvater. Doch dafür muss ich ihn nicht ständig mit seinen Kindern sehen.

Was auch Juso-Mitglieder ärgert: Außer den 6.000 Wohungen im Jahr, die Ott bauen will, befindet sich in diesem Video nichts, worauf man ihn nach der Hälfte seiner Amtszeit festnageln könnte. Gute Idee, inhaltsleere Umsetzung.

Gleiches gilt für seine neue Homepage: Die veröffentlichte er auf den letzten Drücker. Die Seite besteht in erster Linie aus großformatigen Fotos. Es gibt keinen Menü-Punkt „Termine“, unter dem man von anstehenden Podiumsdiskussionen erfahren könnte. Wie kann das sein?

Im Gegensatz zur alten Version finden wir jetzt eine Art Programm unter dem Menüpunkt „Ziele“.
Wer sich erinnert, auf meiner ersten Podiumsdiskussion kam es zu einem Dispütchen zwischen Ott und mir bezüglich seines „Programms“. Mittlerweile hat er auf seiner Homepage zwar quantitativ mehr Zeilen aufgeschrieben. Doch die bringen das Phrasenschwein zum Glühen oder wie der Stadtanzeiger sagt „ Seine Ziele für Köln fasst er kurz und knapp in Thesen zusammen.“ Rekers Programm kritisiert der Stadtanzeiger für die Ausführlichkeit: „Sich auf die Schnelle einen Überblick über ihre Positionen zu verschaffen – unmöglich.“ Lass ich einfach mal im Raum stehen.

Auch mit dem Stadtanzeiger/Express Resümee tue ich mich schwer.
Fazit „Ihr [Reker] Auftritt im Netz ist professionell, wirkt aber auch unpersönlich und distanziert.“ Jochen Ott hingegen verzichte auf Professionalität und „setzt im Netz auf Persönlichkeit.“ Hier muss ich einhaken:

Persönlichkeit kann laut Duden entweder „Gesamtheit der persönlichen (charakteristischen, individuellen) Eigenschaften eines Menschen“ bedeuten  oder einen Menschen mit ausgeprägter individueller Eigenart. Letzterer ist keiner der beiden etablierten Kandidaten.
Aufgefallen ist mir außerdem eine fragwürdige Recherche: Express und Stadtanzeiger weisen beide auf das große Social-Media Team hin, das Reker unterstütze. KSTA: „ Dass Henriette Reker ein großes Team hinter sich hat, merkt man.“ Nach meinen Informationen besteht das „große“ Team aus genau einer Person und seit neuestem einem Cutter, der die Videos schneidet.
Zusammenfassend teile ich den Eindruck von Professor Dr. Rolf Schwartmann in der Kölnischen Rundschau:

„Während das, was Frau Reker macht, vielleicht ein wenig zu formal ist, ist das, was Herr Ott unternimmt, ein wenig zu robust.“

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