OB-Wahlkampf
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Sprache und Politik

Da ist er. Der nächste Aufreger im Wahlkampf. Bis vor wenigen Tagen fragten wir uns, ob es der Herbst ist oder der Wahlkampf, der uns so ermüden lässt. Jetzt wecken uns schrille Töne aus den Sozialen Netzwerken auf. Jetzt heißt es wieder: Stimmung machen auf beiden Seiten, vergesst das Thema, Krawall und Remmidemmi, ab dafür!

Ich werde nicht auf diese PR-Initiative und die Gegen-PR-Initiative eingehen . Da machen KSTA und Co einen guten Job. Für mich ist es wichtiger das Thema als Aufhänger zu nehmen, um die Machart solcher Initiativen zu beschreiben.

Sprache und Politik

Deswegen zoome ich in einer dreiteiligen Serie ganz nah an die Sprache der Politik heran. Nicht nur weil ich Sprachwissenschaften studiert habe und eine intensive HassLiebe zu politischen Talkshows pflege, sondern weil nichts mehr über unsere Kandidaten verrät als ihre Sprache. So wie eben erwähnter Brief von Jochen Ott und die Reaktionen der Gegenseite eindrucksvoll, im Sinne von denkwürdig, gezeigt haben.

Der erste Teil der Serie bespricht die Macht der politischen Sprache ganz allgemein:

Sprache wird oft unterschätzt und ist verkannter Machtfaktor der Politik. Wir merken uns immer nur die wenigen großen Worte die Politiker zu uns sprechen. Oder kann sich irgendjemand an einen anderen Satz Merkels Europapolitik erinnern außer: „Scheitert der Euro dann scheitert Europa“? In den letzten Wochen hat sie ihr Repertoire um einen Satz erweitert. Jetzt werden wir uns auch an: „Wir schaffen das“ in Bezug auf die Flüchtlingsherausforderung erinnern. Zwei Sätze in drei Legislaturperioden #ohneworte.
Diese kurzen Sätze sind wichtig, sie passen in eine BILD-Überschrift, sind massenkompatibel und leicht zu erinnern.

Narrative in der Politik

Dennoch: Viel entscheidender in der Politik sind die vielen kleinen Wörter, die ständig wiederholt werden. Sie heißen in der Fachsprache NARRATIVE. Mit diesen ausgesuchten Wörtern schreiben Politiker und Strategen eine permanente Geschichte, die politische Realität. Narrative sind subtiler, das heißt unauffälliger als die großen Worte auf die man Politiker später festnageln könnte. Der Stil, mit der die Geschichte erzählt wird (englisch: Story Telling), verrät mehr über die Meinung des Redners als der eigentliche Inhalt.

So ist es ein entscheidender Unterschied, ob ich von Asylanten, Asylbewerbern, Flüchtlingen, Vertriebenen, Wirtschaftsflüchtlingen oder Arbeitsflüchtlingen spreche. Egal welchen Inhalt ich beschreibe, allein die Wortwahl verrät wie ich Menschen, die ihre Heimat verlassen haben und in einem anderen Land Hilfe suchen, sehe.

Wörter kommen nicht neutral und sachlich daher, Wörter kommen immer mit einem Bild im Schlepptau, das Konnotation genannt wird. Diese Konnotation lenkt unsere Wahrnehmung.
Deswegen sind Narrative überlebenswichtiger Bestandteil der Machtpolitik Merkels. Dass sie sich ständig widerspricht, dass sie das GEGENTEIL von dem macht was sie sagt, ohne sich dafür „revidieren zu müssen“, wundert mich nach 10 Jahren Merkel nicht mehr. Sie hält 40% der Wähler im Schwitzkasten ihres „Mutti-Narrativs“.

Wir haben eine Kanzlerin, die nicht die Wahrheit sagt. Wir wissen das auch, aber was solls, mit ihr sind wir sicher. Wir wollen lieber sicher sein, als ehrlich in diesen Tagen.

Narrative können Macht erhalten, Parteien zum Leben erwecken und zur Strecke bringen:

Seit ihrer Gründung ist das Narrativ der unangepassten, auflehnenden Umweltfreunde ein Erfolgsfaktor der Grünen. Dass sie innerhalb dieses Narrativs zu einer etablierten, machtpolitischen Partei geworden sind ist zweitrangig.

Die Piraten sind an einer kohärenten, also zusammenhängenden Sprache gescheitert. So wunderbar der Gedanke, ALLE könnten an einem Programm mitarbeiten, so unmöglich ist es dann für eine Partei mit einer Stimme zu sprechen. Marina Weißband konnte für ein Jahr den Fehler im System der Piraten vertuschen, als die Medien sie als einzige Stimme der jungen Partei hörten. Mit ihr waren die Piraten die jungen, unperfekten Rebellen mit guten Ideen und W-Lan. Als Johannes Ponander Weißband ablöste, verdrehte sich das Narrativ ins Absurde. Die Piraten-Geschichte hatte zu viele unkoordinierte Erzählstränge, übertönt vom ständigen Streit wer die Geschichte laut vorlesen darf.

Wie eine Axt ein Stück Holz, hat die Sprache die AfD auseinander gehackt. Bernd Lucke ist für mich die Lachnummer der Nation, neben der ewigen Lachnummer Horst Seehofer, weil er jene Sprache, die er zuvor in ungezählten Talkshows gebetsmühlenartig als absolut nicht rechts in Schutz nahm, plötzlich rechts nannte. Auf politischer Ebene hatte sich die AfD kaum verändert: Das Programm war noch dasselbe, das Lucke zuvor unterschrieben hatte. Doch plötzlich war es eine „Pegida-Partei“. Merkste selbst.

Mit Sprache manipulieren

Die AfD betrat im Kostüm der hochgestochenen, pseudo-intellektuellen Sprache die Bühne der Wahrnehmung. Unter diesem sprachlichen Deckmantel verbarg sich spätestens seit der Bundestagswahl eine rechtspopulistische Partei. Auch wenn sich die Sprecher der Partei meistens in gewähltem, komplexem, undurchsichtigem Deutsch äußerten, entblößten ihre NDP-Gedenk-Plakate („Wir sind nicht das Weltsozialamt“) die Position der AfD. Dieser Spruch reicht, um den rechten Rand der Wähler zu mobilisieren. Es ist wie auf dem Markplatz stehen und „zickezackezickezacke“ zu rufen. Alle, die es verstehen, können den Wechselgesang vervollständigen.

All jene, die sich selber nicht als offen rechts wahrnehmen, aber dennoch durch Vorurteilen geschürter Angst beeinflusst sind (so-called „Besorgte Bürger“), erreichte die AfD mit den gleichen Inhalten, eingehüllt in institutionalisierten, verklausulierten Nominalsätzen im Passiv. Also eben jenem Sprachstil, den Angela Merkels Regierungsstil salonfähig machte. Es wird nichts Konkretes gesagt. Das was an Inhalten übrig bleibt, wird vor der Milchglasscheibe der intellektuell-klingenden Sprache völligst entschärft.

Verfall der Sprache

Tilo Jung legt diesen Verfall der politischen Sprache offen. Dafür muss er regelmäßig viel Kritik einstecken. Und weil er mal Model für Zalando war. Dabei leistet er uns einen simplen, aber wichtigen Dienst: Er filmt die Sprache der Politiker, ihrer Stellvertreter und Pressesprecher. Er bringt sie in Situationen, in denen selbst dem ungeübtesten Zuhörer auffällt, dass sie NICHTS sagen. Und mit „nichts“ sagen meine ich viele Sätze zu sprechen, aber keinen Inhalt zu verpacken.
Wir erinnern uns an das Video indem Regierungssprecher Seibert die Hyperinflation der Phrase „mit bestem Wissen und Gewissen“ auslöste, bis diese Redewendung jegliche Bedeutung und Gewicht verlor.

Tilo Jungs Videos sind historische Zeugnisse, die in späteren Jahren hervorgekramt werden, um die sprachliche Krise der Politik zu dokumentieren. Nicht, weil seine Fragen auffällig kritisch wären, sondern weil er das Establishment des Berliner Politikbetriebes aufs übelste vorführt. Mit seiner Arbeit sensibilisiert uns Jung für die Sprache der Politik. Und wir brauchen mehr sensibilisierte Bürger 🙂

Im nächsten Teil dann: Die Sprache von Reker und Ott

 

 

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